WIR IN DORSTEN GEGEN RECHTS

Unsere Nachbarn am 9. November 1938

Eine Bearbeitung der Plakataktion des Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten

NOVEMBERPOGROM 1938: Die antijüdischen Gewalttaten am 9. und 10. November 1938 waren zentral gesteuert, wurden aber als „Volkszorn“ ausgegeben. Auch in Dorsten wurden Synagoge und Wohnungen geplündert, jüdische Nachbarn gedemütigt und ver-prügelt; auf dem Marktplatz brannte das Inventar des Gemeindehauses in der Wiesenstraße. Dieser Tag war das endgültige Signal: „Ihr gehört nicht mehr zu uns!“. Juden und Jüdinnen starben an den Folgen, mussten auswandern, ihre Geschäfte zu aufgezwungenen Niedrigpreisen verkaufen, in sog. „Judenhäuser“ umziehen.


zum Beispiel ERNST METZGER (1912-1998)

Ernst Metzger war Sohn des angesehenen Viehhändlers Julius Metzger, dessen Familie in der Lippestraße 58, später am Hochstadenwall (Ostwall) wohnte. Von dort vertrieben, wohnten die Metzgers ab 1939 im jüdischen Gemeindehaus an der Wiesenstraße 24. Drei Kinder der Familie waren schon vor 1933 nach Argentinien, Palästina und Amerika ausgewandert.
Die gesamte Familie Julius und Sara Metzger mit den Kindern Walther, Ernst und Max, des-sen Frau Mathilde und dem Enkelkind Judis wurde am 23. Januar 1941 deportiert. Eine Au-genzeugin berichtete: „Der alte Julius Metzger, ein sehr würdiger Herr, legte alle seine Orden an, die er im Ersten Weltkrieg erhalten hatte, und man merkte es ihm an, wie sehr er unter der Demütigung litt.“
Mit den anderen verbliebenen Juden und Jüdinnen aus Lembeck und Dorsten brachte man sie nach Gelsenkirchen, zu einem Sammelplatz am Güterbahnhof. Am 26. Januar 1941 ging von dort ein Zug mit etwa 1.000 Menschen nach Riga.
Ghetto, Lager und Todesmärsche überlebten nur wenige; Ernst und Max gelang dies, und sie wanderten 1945 in die USA aus. Im Mai 1983 besuchte Ernst Metzger Dorsten auf Einladung der Stadt. Er verstarb 1998 in seiner neuen Heimat Florida.

zum Beispiel ADELE WIELER, GEB. MOISES (1907-1942)

Meier und Johanna Moises (aus der ältesten im heutigen Dorsten nachweisbaren jüdischen Familie) betrieben in Wulfen in der vierten Generation ein „Manufakturwarengeschäft“ (Textilien und Kurzwaren). Ab 1917 war Meier Moses Vorsitzender der Synagogengemeinde Dorsten.
Ihre Tochter Adele, geboren am 4. März 1907, besuchte die Ursulinenschule in Dorsten und bestand dort 1923 die Abschlussprüfung. Zwei ihrer Geschwister wanderten nach Palästina aus. Adele ergriff den Beruf der Kontoristin. Sie wollte anschließend Lehrerin werden und besuchte ein Lehrerseminar. 1930 war sie „Throndame“ der Wulfener Schützen.
Nach dem Tod des Familienvaters 1937 und dem Novemberpogrom wurde das 1930 neu erbaute Wohn- und Geschäftshaus der Familie zu terroristischen Bedingungen abgepresst.
In der Pogromnacht wurde Adele vom Mob aus dem Dorf herausgeprügelt.
Im Dezember 1938 heiratete Adele Moises Fritz Wieler aus Recklinghausen und zog mit ihm im Folgejahr wegen der wachsenden Ausgrenzung und körperlichen Angriffe in Wulfen nach Recklinghausen. Von dort wurde das Ehepaar 1942 nach Riga deportiert. Überlebende des Ghettos haben berichtet, dass Adele Wieler dort verhungert ist; ihr Ehemann wurde erschossen.

zum Beispiel GRETE JOSEPH (1920-1991)

1919 erwarb Ernst Joseph, seit 1911 in Dorsten ansässig, ein Grundstück und Gebäude, um sein Modegeschäft von der Recklinghäuser Straße zum „Markt 14“ zu verlegen. Schon 1923 kam es zu antisemitischen Attacken gegen diesen Laden.
Seine Tochter Margarete besuchte von 1926 bis 1931 die Vorschule der Ursulinen. Eines Tages fragt die Klassenlehrerin die Schülerinnen: ‚Warum nehmt ihr euch nicht die Grete zum Vorbild?‘ Am Tag darauf beschwerte sich eine wütende Mutter darüber, wie man eine Jüdin als Vorbild darstellen könne.
1934 wanderte die Familie in die Niederlande aus. Die Kreissparkasse erwarb das Haus am Markt 1935 für einen Bruchteil des tatsächlichen Wertes. Im holländischen Exil arbeitete Grete in der elterlichen Parfümerie und in einem Krankenhaus. Ihr Bruder Heinz konnte nach Brasilien emigrieren.
Nach dem Einmarsch der Wehrmacht wurden Ernst und Louise Joseph sowie Grete ins Lager Westerbork verschleppt und von dort im Oktober 1942 nach Auschwitz, wo die Eltern ermordet wurden. Grete überlebte dieses Lager und weitere; sie wanderte 1947 nach Brasilien aus.
1948 heiratete sie dort Walter Bock und arbeitete als Schönheitsberaterin und Buchhändlerin.
1971 besuchte Grete Bock noch einmal Dorsten.


zum Beispiel KLARA SCHÖNDORF (1922-1941?)

Klara Elly Schöndorf, geboren am 5. August 1922, war die älteste Tochter von Saul und Elice Schöndorf. Ihre Eltern stammten aus dem polnischen Galizien und lebten bis 1938 in Dorsten. Saul Schöndorf betrieb ein Uhrmacher-Geschäft, ab 1925 war er als „Reisender“ (Vertreter und ambulanter Verkäufer) tätig. Die Familie wohnte in der Blindestraße (heute Ursulastraße).
Am 28. Oktober 1938 wurden die Eltern und beide Töchter aus Deutschland abgeschoben. Die sogenannte „Polenaktion“ dieses Tages führte zur Abschiebung von etwa 17.000 Juden und Jüdinnen polnischer Herkunft. Einbürgerungen waren dieser Gruppe, auch wenn die Menschen seit Jahrzehnten in Deutschland lebten oder wie Klara hier geboren waren, meistens verweigert worden. An der polnischen Grenze wurden die Betroffenen monatelang interniert
und nicht ins Land gelassen. Schöndorfs lebten dort zeitweise mit der befreundeten Familie Reifeisen aus Dorsten zusammen.
Klara und ihre Familie scheinen es nach Zeitzeugenberichten irgendwann 1939 geschafft zu haben, zu Verwandten nach Stanislawōw in Polen zu gelangen. Dort verliert sich ihre Spur. Aus Briefen ihrer Freunde ist zu schließen, dass 1940 ein Bruder geboren wurde, dass die Familie sich christlich taufen ließ und Ende 1941 ermordet wurde.


zum Beispiel HERMANN LEVINSTEIN (1885-?)

Hermann Levinstein war ein erfolgreicher Händler in Groß-Reken und übernahm das Kaufhaus seines Schwiegervaters Lebenstein. 1937 zog er, nach üblen Verleumdungen und der Selbsttötung seiner Frau Bertha, nach Dorsten. Er wohnte dann am Alten Postweg 32. Seine Tochter Johanna Sophia besuchte von 1926 bis 1932 die Schule der Ursulinen; ihr Medizinstudium musste sie 1933 unter Zwang aufgeben.
Ab Anfang 1939 wohnte Levinstein in der Lippestraße bei Familie Perlstein, deren Haus zum „Judenhaus“ (d.h. lokales Klein-Ghetto) erklärt worden war. Am 24. Januar 1942 wurde er von dort deportiert. Aus dem Ghetto Riga wurde er in das nahe gelegene KZ Salaspils gebracht und dort ermordet. Das zurückgelassene Warenlager und sein Hausrat wurden öffentlich in Dorsten versteigert.
Seine nach Australien geflohene Tochter Johanna bemühte sich nach Ende der NS-Regimes um Entschädigung; sie erhielt 1956 eine Haftentschädigung für den Vater, weil dieser „Angehöriger der jüdischen Rasse“ gewesen sei. Auch für ein zugunsten der Reichskasse enteignetes Grundstück wurde eine symbolische Entschädigungssumme gezahlt.


zum Beispiel GERTRUD REIFEISEN, GEB. SPANIER (1896-1945)

Die am 12. Mai 1896 in Herford geborene Gertrud Anna Spanier, heiratete 1924 den aus dem polnischen Galizien stammenden Rechtswissenschaftler Simon Reifeisen. Das Ehepaar betrieb gemeinsam ein Geschäft für Herrenbekleidung in der Essener Straße 16.
Ihre 1926 geborene Tochter Ilse, besuchte die Ursulinenschule in Dorsten. Die angesehene jüdische Familie war eher liberal und weltoffen eingestellt und vermittelte diese Haltung auch ihrer Tochter.
Bereits Ende 1936 wurden Gertrud und ihre Familie Opfer ausgrenzender Maßnahmen und mussten Wohnung und Geschäft räumen. Aufgrund der polnischen Wurzeln von Simon Reifeisen wurde die Familie am 28. Oktober 1938 im Rahmen der „Polen-Aktion“ an die polnische Grenze abgeschoben und interniert. Sie kehrten zurück nach Dorsten und Simon kam
ins Gefängnis in Gelsenkirchen. Bemühungen um eine Ausreise blieben erfolglos.
Gertrud und ihrem Mann Simon gelang es jedoch, ihre Tochter Ilse im Dezember 1939 mit einem Kindertransport nach Schweden zu retten. Die herzkranke Gertrud und ihr Mann wurden 1942 nach Riga deportiert. Simon wurde 1943 im Konzentrationslager Kaiserwald getötet.
Gertrud wurde im Konzentrationslager Stutthof umgebracht.


zum Beispiel ROSALIE KATZ, GEB. LEBENSTEIN (1889-1941)

Rosalie Katz, geboren am 4. Februar 1889, wuchs als älteste Tochter des Händlers Isaac Lebenstein
und seiner zweiten Frau Sara Sophie Lebenstein mit sieben Geschwistern in Lembeck auf. Die strenggläubige Familie Lebenstein gehörte seit mehr als 150 Jahren zur Dorfgemeinschaft.
Nach ihrer Schulzeit in der katholischen Volksschule in Lembeck, arbeitete Rosalie als Verkäuferin
in Mönchengladbach. Dort lernte sie ihren Mann, den aus Köln stammenden Textilhandelsvertreter Leopold Katz, kennen. Das Paar zog nach Essen und bekam drei Söhne: Rudy geboren am 15. Dezember 1920 , Karl-Heinz, geboren am 19. November 1925, der von 1932 bis 1938 bei seiner Großmutter Sara Sophie Lebenstein in Lembeck wohnte, und Manfred,
geboren am 7. April 1927. Nach dem Berufsverbot ihres Mannes, verdiente die Familie ihren Lebensunterhalt mit Radio-Reparaturen.
Am 10. November 1941 wurden Rosalie, Leopold, Karl-Heinz und Manfred Katz nach Minsk
deportiert und im KZ Riga umgebracht. Ihrem Sohn Rudy gelang als einzigem Familienmitglied 1939 die Flucht über Belgien in die USA.


zum Beispiel KURT AMBRUNN, (1914-1942)

Kurt Ambrunn war der Sohn von Julius und Rosalie Ambrunn, geboren in Dorsten am 3. Februar 1914. Er besuchte zunächst das heimische Gymnasium Petrinum, wechselte dann zu einer Marler Oberschule. 1934 schloss er die Schule mit dem Abitur ab. Kurt absolvierte in Büren eine Ausbildung zum Textilkaufmann und wechselte 1936 nach Borghorst, wo er bis 1941 arbeitete. Dann kehrte er nach Dorsten zurück.
Am 24. Januar 1942 wurde Kurt zusammen mit seinen Eltern Julius und Rosalie zunächst nach Gelsenkirchen gebracht, von dort erfolgte dann am 27. Januar die Deportation in das Ghetto Riga. Dort verliert sich ihre Spur.
Die Ambrunns wohnten in der Lippestraße 59. Sie betrieben ein Haushaltswarengeschäft und Vater Julius war Mitglied der Vereinigten Kaufmannschaft in Dorsten. Der Versuch in die USA auszureisen gelang nicht. Ihre Auswanderungsnummer wurde nie aufgerufen.
1988 benannte die Stadt Dorsten eine Straße nach Julius Ambrunn, der viele Jahre bis zur
gewaltsamen Auflösung Vorsitzender der hiesigen jüdischen Gemeinde war.

zum Beispiel AMALIE, GEB. VOß (1865-1941) und URSULA PERLSTEIN (1930-?)

Die Familien Perlstein gehörten in Dorsten zu den eingesessenen und angesehensten Familien.
Ihr Begründer, Moyses David Perlstein, bekam 1808 die erste Niederlassungserlaubnis in Dorsten. Er wurde 1778 in Altenkirchen/Westerwald geboren. Er war Metzger und Handelsmann und wohnte, bevor er nach Dorsten kam, in Wesel.
Amalie Perlstein, geborene Voß, wurde am 19. März 1865 in Kall/Eifel geboren. Sie heiratete den Metzgermeister David Perlstein. Das Ehepaar wohnte in der Essener Straße 24, wo auch sein Geschäft war. David war ehrenamtlich in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde tätig.
Die beiden hatten acht Kinder: Albert, Otto, Hermann, Robert, Elisabeth (Elise), Hertha, Walter und Karl. Otto war im Ersten Weltkrieg gefallen und Robert 1926 bei einem Eisenbahnunfall tödlich verunglückt. Hertha, Walter und Hermann, die letzteren mit ihren Familien, wurden in Konzentrationslagern ermordet. Darunter war auch Amalie’s Enkelin Ursula, die damals
noch ein Kind war. Amalie starb nach langer Krankheit in Dorsten am 24. Oktober 1941 und wurde als letzte Jüdin auf dem Jüdischen Friedhof in Dorsten beerdigt.


zum Beispiel JULIUS METZGER (1873-1945)

Julius Metzger wurde 1873 in Heiden geboten. Der Viehhändler war mit Sara Lebenstein aus
Groß-Reken verheiratet. 1913 kam Julius nach Dorsten und wohnte zuerst im Haus Lippestraße
58, danach am Hochstadenwall und zuletzt im jüdischen Gemeindehaus in der Wiesenstraße
24. Das Ehepaar hatte sechs Kinder: Albert, Max, Carola, Walter, Ernst und Erna. Drei Kinder
wanderten aus bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, nämlich Albert nach Israel, Carola nach Argentinien und Erna in die USA.
Die Eltern wurden zusammen mit ihren Söhnen Ernst, Walter und Max, dessen Frau Mathilde und deren kleiner Tochter Judis, 1942 nach Riga deportiert. Max und Ernst überlebten mehrere Konzentrationslager und wanderten nach dem Krieg in die USA aus. Julius und alle anderen Mitglieder der Familie wurde mit Beschluss des Amtsgerichts Dorsten vom 2. Juni 1958 mit dem 1. Dezember 1945 für tot erklärt.