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Zum Gedenken an die Pogrome 9./10. November 1938

Dr. Kathrin Pieren, Leiterin des Jüdischen Museums Westfalen, Dorsten

In jedem Jahr finden am 9. November in Deutschland Gedenkveranstaltungen statt, die an die Novemberpogrome von 1938 erinnern, die von den Nationalsozialisten geplant und mit unglaublicher Brutalität ausgeführt wurden. Auch das Jüdische Museum Westfalen hat in den vergangenen Jahren stets der Progrome gedacht. Doch in diesem Jahr wird es erstmals leider nicht der Fall sein: Die Corona-Pandemie verbannt das Gedenken an diese schlimme Zeit in die Isolation. Eine öffentliche Veranstaltung wird es in diesem Jahr nicht geben.

“Der Jahrestag der Pogromnacht wird in der allgemeinen Öffentlichkeit keine große Rolle spielen. Kein Gedenken und kein Erinnern – was bleibt uns dann noch erhalten?” fragt die Regisseurin Sharon Ryba-Kahn in der Jüdischen Allgemeinen. Und weiter: “Noch schlimmer ist es, dass wir nach dem Lockdown direkt in die Weihnachtssaison rutschen. Was ist da wichtig? Geschenke kaufen. Wer wird noch Platz dafür haben, um sich emotional mit der Schoa zu beschäftigen – außer den Betroffenen? Aber das sind nicht die, die erreicht werden müssen, nicht wahr?”

Sharon Ryba-Kahn hat vollkommen recht. Denn der Opfer zu gedenken, heißt auch, sich immer wieder die widerwärtigen Taten vor Augen zu führen, welche diese Menschen zu Opfern machten. Das ist ein wichtiger Teil der Erinnerungsarbeit, die solche Veranstaltungen im Land der Täter*innen, Mitläufer*innen und Zeug*innen leisten und leisten müssen. Darüber hinaus signalisieren die Gedenkveranstaltungen auch den gesellschaftlichen und politischen Willen, gegen Intoleranz vorzugehen – gegen Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus und anderes menschenverachtendes Denken und Handeln.

Die Pandemie ist der Grund für die abgesagten Gedenkveranstaltungen, aber sie ist sie leider auch eine Zeit, in der neben den vielen Beispielen funktionierender Solidarität auch die Zeichen der Entsolidarisierung und der gesellschaftlichen Polarisierung deutlicher werden. In den Verschwörungsmythen der Pandemie-Skeptiker*innen tauchen gerade auch Juden und Jüdinnen immer wieder auf.

Warum? Weil das Unerklärliche und die Unsicherheit der Situation mit einer Verschwörung von geheimen Mächten einfacher zu erklären sind als mit komplexen, wissenschaftlichen Theorien und evolvierenden epidemiologischen Prognosen. Und weil Verschwörungserzählungen gegen das Judentum seit dem christlichen Antijudaismus im Mittelalter in den Gesellschaften Europas fest verankert sind. Um dem entgegenzuwirken, wären öffentliche Gedenkveranstaltungen gerade in diesem Jahr ein wichtiges Signal gewesen.

Zur Erinnerung: Die Novemberpogrome waren inszeniert, das waren keine Initiativen erboster Bürger*innen, sonst wären sie nicht so flächendeckend gewesen und hätten nicht in örtlichen Behörden, in Feuerwehr und Polizei ihre Komplizen gefunden. Es war eine staatlich verordnete Gewaltaktion.

Nachdem Hershel Grynspan, dessen Eltern von den Nationalsozialisten zusammen mit 17.000 anderen polnischen Jüdinnen nach Polen deportiert wurden, den deutschen Botschaftsangehörigen in Paris Ernst von Rath erschossen hatte, benutzten die Nationalsozialisten dies als Vorwand, mit Gewalt gegen Juden und Jüdinnen sowie jüdische Einrichtungen vorzugehen. Und sie maskierten die Pogrome als Ausdruck eines ‚Volkszorns‘ gegen Grynspans Tat.

Die Novemberpogrome 1938 waren ganz sicher nicht nur Sachbeschädigung und Diebstahl, obwohl auch diese ein enormes Ausmass annahmen. Bis vor wenigen Jahren war das Bild der brennenden Synagogen und zerstörten Schaufenster vorherrschend in der allgemeinen Wahrnehmung. Tatsächlich wurden mindestens 1.406 Synagogen und Betstuben niedergebrannt und zum Teil oder vollständig zerstört. Mindestens rund 180 Wohnhäuser und bis zu 7500 jüdische Geschäfte wurden zerstört.

Dabei war die Zerstörung nicht nur auf Deutschland beschränkt. Juden und Jüdinnen im ganzen damaligen Deutschen Reich, einschließlich Städten wie Innsbruck und Wien, Kattowitz und Breslau, wurden Opfer des Terrors. Frauen und Männer wurden auf brutalste Weise gequält, geschlagen, erniedrigt und getötet; einige wurden an den Rand der Verzweiflung gebracht, so dass sie sich selbst das Leben nahmen. Insgesamt starben mindestens 1300 Juden und Jüdinnen. Alleine in Westfalen waren es 60 Menschen.

Ich will an dieser Stelle nur ein Beispiel nennen, und zwar einen Augenzeugenbericht aus Dortmund:

„In Dortmund wurden vielfach die Juden nachts gezwungen, ihre Möbel selbst aus dem Fenster zu werfen und dann im Nachtanzug die zerbrochenen Stücke selbst wieder heraufzuholen. Das Gemeindehaus ist vollkommen zerstört, sämtliche Akten der Winterhilfe vernichtet, über RM 1000.- gestohlen. Die jüdischen Restaurants und Cafés sind einfach Schutthaufen. Geschäfte sind alle zerstört, Waren auf die Straße geworfen.

In Lünen bei Dortmund sind die Horden bei einem 60-jährigen Juden namens Bruch ins Haus [ein]gedrungen und haben ihn ‚Isaac‘ brüllend über den Haufen geschossen. Die Frau flüchtete ins Nebenzimmer, was mit ihr passierte, ist nicht bekannt. Die Gasrohre der Öfen wurden aus den Wänden gerissen, sodass das Gas frei ausströmen konnte. Im gegenüberliegenden Haus lag ein alter Mann im Bett. Bevor er flüchten konnte, erhielt er durch die Decke einen Bauchschuss und starb nach vier Stunden.

In Dortmund sind alle Männer von 16 bis 60 Jahren verhaftet, die nicht Verhafteten mussten sich selber stellen. Alle wurden nach Sachsenhausen gebracht.“

Weiter wurde berichtet, dass Menschen aus Dortmund mit Verletzungen ins jüdische Asyl für Altersschwache in Köln eingeliefert wurden.

Es ist offenkundig, welche Ängste diese Menschen ausstehen mussten, welche Wut, Verzweiflung und Enttäuschung sie gefühlt haben müssen, angegriffen von Nachbarn, ehemaligen Schülern, verprügelt und gedemütigt von Kundinnen, oft Menschen, die sie gut kannten.

Für die Jüdinnen und Juden waren die Pogrome eine klare Botschaft, dass es nicht mehr besser werden würde in diesem Land, dass es an der Zeit war, das Land zu verlassen. „Man fragt nicht, wollen Sie auswandern, sondern: wie weit sind Sie?“ schreibt eine Wuppertaler Jüdin im April 1939 ihrer Tochter, die bereits ins Ausland emigriert war. Doch Auszuwandern erwies sich als unglaublich schwierig, weil die meisten Staaten ihre Grenzen bereits dicht gemacht hatten.

Ein kleiner Lichtblick war, dass einige Staaten wie die Niederlande, Frankreich und allen voran Großbritannien unter dem Eindruck der Gewalttaten, die auch im Ausland bekannt waren, ca. 15.000 Kindern erlaubten, alleine einzureisen. In Großbritannien war das nur nach der politischen Überzeugungsarbeit jüdischer und christlicher Organisationen möglich gewurden und nur unter deren Versicherung, dass die Rettungsaktion den Staat nichts kosten solle.

Erwachsene Einwander waren angesichts der Wirtschaftskrise unerwünschte Stellensuchende, und auch die Kinder sollten eigentlich nach wenigen Jahren wieder das Land verlassen, was durch Ausbruch des Krieges zehn Monate später unmöglich wurde. Obwohl die sogenannten ‚Kindertransporte‘ viele Kinder rettete, so litten diese doch unter der Trennung von Eltern und Geschwistern, die sie in der Mehrzahl nie mehr wiedersehen sollten.

Die Integration im neuen Land war auch nicht einfach. Die Kinder stießen oft auf Ablehnung, denn ‚in Deutschland waren wir Juden, in England waren wir Deutsche‘, wie die Betroffene Elsa Shamash sagt, und die waren nicht eben beliebt. Nicht wenige wurden auch als sogenannte ‚enemy aliens‘ interniert, sobald sie alt genug waren.

Während und unmittelbar nach den Pogromen wurden rund 30.000 jüdische Männer in Konzentrationslagern gefangen, mehrere hundert von ihnen starben während der Inhaftierung oder als Folge davon. Im Reichsgebiet folgten darauf weitere Maßnahmen, um die jüdischen Bürger*innen endgültig vom wirtschaftlichen und kulturellen Leben sowie von der Erziehung auszuschließen. Außerdem mussten sie die Kosten übernehmen für die Schäden, die ihnen während der Pogrome zugefügt wurden. Die Pogromnächte hatten daher auch eine ganze Reihe von einschneidenden und weitreichenden Folgen.

Sie waren der Höhepunkt einer Gewalt, der allerdings eine lange Kette an falschen Beschuldigungen und Stigmatisierung von Juden*Jüdinnen als Fremde und Minderwertige vorangegangen war. Seit 1933 waren sie durch sytematische Ausgrenzungen per Erlasse Schritt für Schritt von der Mehrheitsgesellschaft isoliert worden.

Wenn wir der Pogrome gedenken und ihre Relevanz für heute reflektieren, dann können wir uns nicht damit herausreden, dass wir nicht an einem vergleichbaren Punkt sind, denn wenn wir soweit wären, wäre es schon längst zu spät.

Ich schlage vor, nochmals in die Vergangenheit zu blicken und uns gleichzeitig der Gegenwart zuzuwenden. In die Vergangenheit, um noch besser zu verstehen, was in den Köpfen derjenigen Menschen vorging, die solche Verbrechen begingen, ihnen tatenlos zusahen oder von Diebstahl und Enteignung profitierten. Wie Nachbarinnen und Nachbarn zu Täter*innen und passiven Zeug*innen wurden und wie sie mit dem Wissen über ihr Verhalten auch nach dem Krieg weiterlebten.

Welche Werte und welches Gedankengut sie an ihre Nachkommen weitergaben. Viele Zeitzeugen leben nicht mehr, aber ihre Kinder und Kindeskinder leben noch. Es muss in vielen Familien Briefe, Tagebücher, Dokumente und mündliche Überlieferungen geben, die nicht bekannt gemacht wurden, die vergessen und verdrängt wurden und werden.

Genau mit diesen Zeugnissen der Vergangenheit sollten wir Nicht-Juden und Nicht-Jüdinnen uns nochmals konfrontieren: jede*r einzelne im Kreis der eigenen Familien und die Gesellschaft im Großen und ganzen, um zu verstehen, wie sich die Vergangenheit und der Umgang mit ihr auf unsere heutige Gesellschaft ausgewirkt hat.

Damit verbunden ist es unsere Pflicht, die Gegenwart kritisch zu betrachten und alle Anzeichen von Auschluss zu erkennen und sich dagegen stark zu machen, rassistisch und antisemitische Äußerungen und Gewaltakte als solche zu denunzieren und entsprechend zu ahnden. Leider gibt es genug Beispiele, dessen wurden wir im Laufe der letzten Monate erinnert.

Von den Nazi-Netzwerken in der regionalen Polizei zum tätlichen Angriff auf einen jüdischen Mann in Hamburg. Die Mordtaten in Halle, die sich letzten Monat jährten, erinnern ausserdem daran, dass sich Antisemitismus oft paart mit Hass gegen andere als anders empfundene Menschen, etwa Geflüchtete oder Zugewanderte.

Wir brauchen nicht nur einen besseren Schutz für die Opfer und die öffentliche Einsicht, dass dieser Schutz eigentlich nicht nötig sein sollte in einer demokratischen, solidarischen Gesellschaft. Wir brauchen außerdem den politischen Willen, das Systemische in solchen Taten zu verstehen und anzuerkennen und damit auch wirksame Maßnahmen, um solche Vergehen in Zukunft zu verhindern.

Gleichzeitig ist jede*r dazu angehalten, rassistisches, antisemitisches und fremdenfeindliches Gedankengut und Tun aufzudecken und zu verurteilen – in der Familie, im Schulbus, in der Arbeitswelt, am Stammtisch, im Parlament. Wir können diese Verantwortung nicht abgeben, denn wenn wir uns nicht darum kümmern, wer soll es dann tun?